Ember von Kubbi - das
Chiptune-Album des Jahres?
Am 5. Februar 2015
erschien Ember, das neue Album des norwegischen Gameboy- und Computermusikers Kubbi. Selten zuvor habe ich ein Release eines
Chiptune-Künstlers so herbeigesehnt. Kann Kubbi meine Erwartungen erfüllen?
Kann er die Messlatte nach seinem 2012er Album Circuithead noch einmal
höher legen? Begleitet mich auf meiner Reise in das faszinierende
Klanguniversum eines absoluten Ausnahmekünstlers.
Die erste Liebe
vergisst man nie. Dieses wohlige Kribbeln im Bauch, diese Beschwingtheit mit
der man plötzlich durchs Leben schreitet. Viel sensibler sind die Sinne
eingestellt, das Wahrnehmungsempfinden ein anderes. Man sieht und spürt viel
mehr als zuvor im alltäglichen Leben. Als ich im Dezember 2012 zum ersten Mal
das Album Circuithead, des mir bis dato völlig unbekannten Musikers Kubbi hörte, flogen sie
wieder, die Schmetterlinge. Dabei hatte ich von dem jungen Soundtüftler zuvor
nie etwas gehört.
Eine Zeitreise
Damals hatte ich mir auf Bandcamp irgendein Album eines Chiptune-Musikers
heruntergeladen, an welches ich mich inzwischen nicht mehr erinnern kann. Auf
der Download-Seite werden immer ein paar Hörtipps anderer Musiker angezeigt.
Genau dort sah ich das relativ unspektakuläre Cover von Kubbis Circuithead zum
ersten Mal – und klickte mich gleich zum Download weiter. "Gib dem Ding eine
Chance!", hatte ich zu mir gesagt, denn dank "Pay what you want"-Methode
(sprich: "für lau") kann man ruhig einmal reinschnuppern.
Ein paar Stunden später war ich schließlich um ein paar Euronen ärmer. Gut
investiertes Geld für Circuithead, denn dieses Album hat mich so richtig
weggeblasen. Vom ersten Track an hatte mich Vegard Kummen, Kubbis bürgerlicher
Name, mit seinen gefühlvollen Melodien, den faszinierenden Arrangements mit
Beeps, Bleeps und elektronischen Klängen, auf seine Seite gezogen. Es war ein
Klick ins absolute Hörglück und für mich das beste Netlabel-/Chiptune-Album,
welches ich im Jahr 2012 gehört hatte.
Vielleicht ist es jetzt nachvollziehbar, warum ich den 5. Februar 2015 so
sehnsüchtig herbeisehnte. Immerhin hatte ich kurz zuvor erfahren, dass dies der
Tag der Erstveröffentlichung von Kubbis neuem Album Ember ist, dem
ersten Full-Length-Album seit Circuithead. Dazwischen war er nur mit
Single-Releases und Stücken für diverse Chiptune-Sampler in Erscheinung
getreten, darunter die beliebte Chiptune = WIN-Reihe.

Bildquelle: Kubbi
Erhöhte Temperatur
Doch wollen wir endlich über Ember sprechen. Aus insgesamt neuen Stücken
besteht dieses Album, das sowohl als Digitaler Download in gewohnter
Zahl-was-du-willst-Manier bereit steht, ebenso aber als echte Audio-CD mit
schickem Cover-Artwork erhältlich ist. Ab 10 US-Dollar ist letztere zu
erwerben.
Bereits im Vorfeld hatte Kubbi "Restoration" auf seiner Website und über
Soundcloud veröffentlicht, einen Schnupper-Track, der die Glut in mir sofort
wieder entfachte. Restoration weist alle Vorzüge auf, die einen echten "Kubbi"
ausmachen. Ruhige, sphärische Klänge bauen sich langsam zu einem komplexen
Klanggerüst auf. Piepsige Töne formen einen melodiösen Körper drumherum den die
Ohren begierig aufsaugen. Der dermaßen stimmungsvoll transportiert wird, dass
sowohl Herz als auch Magen sich in einer puren Wohlfühloase befinden. Die
Schmetterlinge fliegen wieder. Schon nach wenigen Sekunden ist mir klar
geworden, dass hier etwas wirklich Großes herangereift ist.
Restoration ist das erste Ausrufezeichen, welches Vegard Kummen setzt und
zugleich ein Beleg dafür, dass er sein melodisches Gespür noch einmal
verfeinert hat. Deutlich ist die Weiterentwicklung zu spüren, die er in den
zwei Jahren seit Circuithead genommen hat. Satter, aufwändiger, noch perfekter
klingen die neuen Stücke. Bei Restoration werden das 8-bit Klangkorsett und die
dazugehörige elektronischen Sequenzen um Passagen mit Streichern erweitert.
Genau zum richtigen Zeitpunkt setzten diese ein, nachdem man zuvor zwei Minuten
lang die Gefühlsskala in Richtung Spitze erklimmen durfte. Doch währt die
atmosphärische Verschnaufpause nur kurz. Mächtiger und eindringlicher als zuvor
kehren die herrlichen Bleeps zurück, dieses Mal mit Unterstützung von
E-Gitarren-Riffs, die sich hervorragend ins Gesamtkunstwerk einfügen. Jetzt
entfaltet dieses Stück seine komplette Macht, deren klanglicher Schönheit man
endgültig erliegt.
Kuschelrock
Überhaupt spielt die Gitarre auf Ember eine wichtige Rolle und wird zum
prägenden Instrument neben dem Gameboy. Während bei "Pathfinder", Opener des
neuen Albums, noch kein Saitenspiel zu hören ist, sondern viel mehr die Klänge
einer Steel Drum das musikalische Spektrum erweitern, schlägt das titelgebende
zweite Stück stellenweise wieder richtig das Plektron an. Dabei wirkt das
Gitarrenspiel aber niemals aufdringlich, sondern setzt genau die richtigen
Akzente um die fantastische Melodie noch weiter zu stärken. Echten Hard-Rock
darf und kann man nicht erwarten. Kubbi ist ein Schmuse-Musiker. Seine Sprache
ist die Melodie, die gekonnte Aneinanderreihung atmosphärischer Tonfolgen. Der
Chiptune-Charakter ist immer präsent. Gitarre und Schlagzeug machen daraus nur
ein satteres Hörerlebnis.

Bildquelle: Kubbi
Seine härteste Stufe erreicht Kubbi bereits mit dem dritten Lied. In
"Firelight" rockt er deutlich schneller und härter als zuvor, sowie in den
darauffolgenden Stücken. Das wirkt erfrischend, aber dennoch vertraut, denn
natürlich ist sein Gameboy nach wie vor der Lead-Sänger, dem ein jeder an den
Lippen hängt.
Ein kleines Stück vom angesagten Dubstep-Geschredder ist hingegen in "Cascade"
zu finden. Hier geht der "Refrain", was in diesem Fall die melodische
Hauptlinie ist, mehr in Richtung 8bit-Klang als bei den anderen Liedern. Auch
hier steckt wieder ein echter Ohrwurm drin, nur dass er dieses Mal mit
WubWub-Passagen angereichert wurde. "Compass" und das überragende "Overworld"
verzichten auf Experimente. Kubbi macht dort genau das, wofür er bekannt ist:
Er bastelt aus seinen Sounds Stücke, die vor Harmonie, Begeisterung und Liebe
nur so sprühen. Es sind Klanggebilde die fesseln und nicht mehr loslassen.
Nach dem schon aus dem MAGFest = Win Sampler bekannten "The Cairn", sowie dem vorab veröffentlichtem
"Restoration", setzt "Formed by Glaciers" den atmosphärischen Schlusspunkt. Es
ist der ruhigste Song auf Ember. Bekannte Melodien werden hier nochmals genutzt
um anders instrumentiert neue Einblicke zu schaffen. Getragen von den Klängen
eines Pianos und dem anmutigen Klang von Erin McQuistens Stimme baut sich
langsam, aber stetig ein gewaltiges Inferno auf. Eine wahre Symphonie, die
kurz, aber heftig, den perfekten Ausklang für Ember bietet.
Fazit
Groß waren die Fußstapfen des Vorgängeralbums Circuithead. Ember steigt locker
darüber hinweg. Ich darf ruhigen Gewissens von einem modernen Chiptune-Album
sprechen, das aufgrund der herrlichen Melodien und Atmosphäre schon jetzt als
Meilenstein angesehen werden darf. Ja sogar angesehen werden muss!
Wenn man Kubbi einen Vorwurf machen könnte, dann müsste man vielleicht die
mangelnde Abwechslung bei seinen Stücken ansprechen. Sie klingen allesamt recht
ähnlich, brechen nur selten in andere Stilrichtungen aus, transportieren immer
ruhige, wunderschöne Melodien erst zart, dann stärker instrumentiert in die
Gehörgänge der Zuhörer. Doch Kubbi macht hier nichts falsch. Er zieht einfach
sein Ding konsequent durch, spielt seine Stärken, die in der berauschenden
Klangfolge und dem Mix aus Gameboy-Bleeps und elektronischer Computermusik
liegen gekonnt aus und packt in Ember die geballte Kraft musikalischer
Glückseligkeit. Damit berührt er die Herzen. Meines auf jeden Fall!
Track-Liste:
1. Pathfinder
2. Ember
3. Firelight
4. Cascade
5. Compass
6. Overworld
7. The Cairn
8. Restoration
9. Formed by Glaciers
Ember @ Bandcamp
Kubbi Website
Persönliche Favoriten: Ember, Overworld, Restoration